Von Ece Temelkuran
Istanbul
In diesem Brief möchte ich etwas über die Armenier schreiben, und nicht nur über sie, sondern auch darüber, was es bedeutet, Türke zu sein. Die Armenier haben mir Dinge gesagt, die sie wahrscheinlich vorher noch nie ausgesprochen hatten. Und beim Zuhören betrachtete ich mein Türkischsein mit neuen Augen.
Was sie mir erzählten, betrifft ganze Nationen und beschreibt den heute herrschenden Zustand. Dies ist ein langer Brief aus dem Land Anatolien, schonungslos und voller Anteilnahme. Dieser Brief richtet sich an alle, die dieses Land verlassen mussten. Und ich weiß, es waren viele. Werden sie sich erinnern? Werden wir vergessen? Werden sie verzeihen?"
Als sie diesen Absatz las, rief sie laut aus: "Ich sage dir, nein! Du musst aufhören, solche Sachen zu schreiben. Du musst aufhören!"
"Seht die Atheistin!"
Diese Worte kamen nicht von meinem Chefredakteur, auch nicht von einem Staatsanwalt, der versucht, den berüchtigten Paragraph 301 des türkischen Strafgesetzbuches auf einen meiner Artikel anzuwenden, der angeblich das "Türkentum", den Islam oder die Landesfahne beleidigt. Diese Worte kamen von meiner wütenden Mutter, die 1972 als junge Linke während einer der Putschversuche inhaftiert und gefoltert worden war.
Sie sprach so, nicht weil sie ihren "rebellischen Geist" verloren hätte, sondern weil sie in Angst und Sorge um mich war. Diesmal handelte es sich nicht um nationalistische Zeitungen, die mein Bild abdruckten mit der Schlagzeile "Seht die hässliche Frau! Bringt ihr bei, was es heißt, türkisch zu sein!" Auch nicht um radikale islamische Zeitungen, die postergroße Fotos von mir veröffentlichten mit der Überschrift "Seht die Atheistin!"
Daran ist meine Mutter schon gewöhnt. Was ihr Angst macht, ist der Preis, der mir kürzlich verliehen wurde: "Der Sacharow-Preis für geistige Freiheit." Ein weiterer Grund zur Sorge ist natürlich mein demnächst erscheinendes Buch über die Armenier. Denn wer sich zur Armenienfrage äußert, wird öffentlich angeprangert, und von den früheren Sacharow-Preisträgern sind einige inhaftiert oder gar ermordet worden. Meine Mutter sagt mir immer wieder: "Das Wetter in der Türkei ist zurzeit sehr neblig, und wenn Dir etwas zustoßen sollte, wüssten wir nicht mal, wer dahinter steckt. Ich sage dir, diesmal ist es anders."
Säkularismus wird nicht mehr erwähnt
Ja, diesmal ist es anders. Sie hat Recht. Zurzeit herrscht in der Türkei größere Verwirrung denn je, denn diesmal ist das Land zerrissen zwischen Ultranationalismus und radikalem Islam.
Offensichtlich wollen europäische und amerikanische Massenmedien die Türkei immer noch als "Demokratie im Land des gemäßigten Islams" sehen und die AKP, die islamische Regierungspartei, als die "demokratische Bastion" in der Türkei. Dieser Ansatz der westlichen Medien ist verständlich, passt er doch zu dem amerikanischen Konzept eines "gemäßigten Islams", das nach dem 11. September so populär wurde als ein Heilmittel für die radikalen Strömungen in muslimischen Gesellschaften. Vielleicht haben amerikanische Medien deswegen aufgehört, die Türkei als "den einzigen säkularen und demokratischen Staat im Mittleren Osten" zu bezeichnen und beschreiben sie jetzt als "den einzigen demokratischen Staat mit einer islamischen Regierung". Der Säkularismus wird nicht mehr erwähnt.
"Die neue Identität der Türkei"
In den Medien wird das Konzept des "gemäßigten Islams" eher als eine Graswurzelbewegung dargestellt als ein internationales Projekt, das durch die US-Außenpolitik finanziert und gefördert wird. Man war von dieser Idee so begeistert, dass man ihr den griffig klingenden Namen gab: "Die neue Identität der Türkei."
Diese neue Identität rutschte in den politischen Charts ganz nach oben, als man daran ging, die Verfassung zu ändern, um Frauen an den Hochschulen das Tragen von Kopftüchern zu gestatten. Jeder konnte sich an der Diskussion um die Gesetzesänderung beteiligen, außer den Kopftuch tragenden Frauen. Nur die Männer sowie die nicht Kopftuch tragenden Frauen in der AKP, durften sich äußern. Die männlichen Parteimitglieder diskutierten, wie Frauen das Kopftuch zu tragen hätten, und es wurde sogar erwogen, ein Bild in die Verfassung mit aufzunehmen, um die korrekte Trage-Art zu illustrieren. Den Tschador hingegen wollten sie nicht an die Universitäten lassen. Nein, das ging dann doch zu weit. Sie wollten die "moderne" Ausführung, die man auch bei Gucci oder Versace findet.
Seit der Verfassungsänderung ist das Kopftuch-Verbot an den Hochschulen de facto endlich aufgehoben. Das Problem ist gelöst, und man sollte denken, dass die Frauen nun keinen Grund mehr hätten, sich zu beklagen. Weit gefehlt. 600 Frauen, alle Kopftuch tragend, die meisten davon berufstätig, viele Schriftstellerinnen, Journalistinnen und Intellektuelle, verfassten eine Erklärung, die besagt: "Wir werden unser Kopftuch an der Universität nur tragen, wenn..." Dem folgt eine Auflistung der Reformen, die im Namen der Demokratisierung in der Türkei gemacht werden sollten. Zur allgemeinen Überraschung wurde die Erklärung von der Zeitung, die für die Aufhebung des Kopftuch-Verbotes eingetreten war, nicht abgedruckt. Offensichtlich wollte man bei der AKP nichts von diesen Frauen hören, die der Partei auch mit Kopftuch nicht nach dem Mund redeten.
Nachdem man in liberalen und intellektuellen Kreisen lange Zeit die AKP als die demokratische Bastion in der Türkei unterstützt hatte, entzog man ihr kurz nach den Wahlen im Sommer vergangenen Jahres endgültig das Vertrauen. Gründe gab es viele: Der EU-Beitritt war vom Tisch; das militaristische Vorgehen in der Kurdenfrage; der anti-demokratische Prozess bei Gesetzesvorlagen; der berüchtigte Paragraph 301; religiöse Wohltätigkeit statt Armutspolitik; das Schließen von Gewerkschaften und NGOs; ein Premierminister, der den Frauen nahe legt, mindestens drei Kinder zu haben; die wachsende Anzahl von Mädchen mit Kopftuch, die von den Jungen getrennt zur Schule gehen müssen. Hinzu kommt, dass die Partei mit der Kombination aus aggressiver neo-liberaler Politik und islamischem Konservativismus begann, die Türkei in eine "Konzernokratie" zu verwandeln. Meinungsumfragen hatten ergeben, dass die AKP an Boden verlor. Die Rettung kam in Form eines Verbotsantrages seitens der kemalistischen Elite. Der Antrag gründete sich vor allem auf der Aussage, die AKP sei ein Zentrum anti-säkularer Aktivitäten. Das Verfahren ließ die AKP erneut als die "letzte Bastion der Demokratie" in der Türkei erscheinen.
Im Lager der Alteingesessenen war man nicht weniger verzweifelt. Die große Wolke des Ultra-Nationalismus verdunkelte sich am 19. Januar 2007, am Tag der Ermordung des armenischen Journalisten Hrant Dink. Er war zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden, weil er gegen Paragraph 301 verstoßen hatte, der die "Verunglimpfung des Türkentums" unter Strafe stellt. Sein Verbrechen bestand darin, den Dialog zwischen Türken und Armeniern befürwortet und daran zu erinnert zu haben, dass Anatolien einst die Heimat der Armenier war.
"Tradition des Vergessens"
Die nationalistische Stimmung spitzte sich weiter zu, als aus dem Südosten die Särge eintrafen mit den Leichen der von der PKK, der kurdischen Separatistenbewegung, getöteten Soldaten. Junge Nationalisten zogen durch die Straßen und bedrohten jeden, der keine Fahne hisste. Dies war der Zeitpunkt, da bürgerliche Säkularisten das Feld räumten und den nationalistischen Schlägern die politische Bühne überließen.
Die ultra-nationalistische Stimmung bot einen fruchtbaren politischen Nährboden für die bis dato größte Militäraktion gegen die PKK. Natürlich hatte man die Entscheidung schon lange vor den Demonstrationen getroffen, und sie wurde von den einschlägigen Sprachrohren unterstützt. Der Krieg begann. Nachrichtenmeldungen erschienen plötzlich im Stil der Fox-Berichterstattung während des Irakkrieges. "Wir" war das Subjekt, "säubern" das Verb und das erklärte Zielobjekt waren immer "die" - so als ob Kurden nicht auch in der Türkei lebten; als ob die Kämpfer der PKK, auf die man Bomben wirft, nicht auch Verwandte in den kurdischen Gebieten der Türkei hätten.
Wo steht meine Mutter in diesen Wirren? Nirgends. So wie alle, die in einem freien, demokratischen, säkularen Staat leben wollen und nicht willens sind, einen dieser Werte zu opfern. Das politische und gesellschaftliche Klima in der Türkei zwingt aber jene, die Säkularismus und Demokratie wollen, sich für eines von beiden zu entscheiden. Die Polarisierung geht so weit, dass Familien zerfallen und vormals enge Freunde nicht mehr miteinander reden.
Warum aber rede ich über ein "altes Thema" wie die Armenier, wenn die Lage auch so schon kompliziert genug ist?
Inzwischen erwägen viele türkische Intellektuelle, und zwar nicht nur die jungen, ernsthaft, das Land zu verlassen. Die "neue Türkei", zerrissen zwischen Ultra-Nationalismus und islamischem Konservativismus, ist ihnen ein Gräuel. Sie haben genug davon, "Türken" zu sein in der politischen Zirkusarena. Sie versuchen verzweifelt, ihren Kummer mit Humor zu überspielen - den Kummer über den Verlust ihrer Heimat. Doch inzwischen ist es fast unmöglich geworden, über die türkische Tragödie Witze zu machen. Und so müssen die Begriffe Türkei und Türkentum neu definiert werden, damit sie tragbar bleiben.
Die Armenier-Frage ist die Schwachstelle des Türkentums. Im Jahre 1915 begann man in der Türkei mit der bis heute aufrecht erhaltenen "Tradition des Vergessens", die meiner Meinung nach der Grund für die heutige Lage ist. Die Tradition des Vergessens hat ein Volk ohne Erinnerung hervorgebracht. Die Normalisierung der Gewalt begann in jenem Sommer im Jahre 1915. Und auch die falsche Bestimmung von "Heimat" und dem "Selbst" gehen auf die Ereignisse von damals zurück. Das "Wir", wie wir es heute begreifen, hat in dem Massaker an den Armeniern seinen Ursprung.
Da ich mich nicht der langen Reihe derer anschließen möchte, die Anatolien verlassen mussten, versuche ich, die Krankheit zu bestimmen, durch die die Türkei zur politischen Zirkusarena von Europa und dem Nahen Osten wurde. Und da ist auch noch ein Versprechen, das ich Hrant gab, meinem verstorbenen Freund. In dem Versprechen ging es um "unsere geliebte Hölle" - unser Anatolien.
Aus dem Englischen von Andrian Widmann
Ece Temelkuran, 35, meistgelesene politische Kolumnistin der Türkei, arbeitet für Milliyet. Sie hat eine Reihe von Büchern geschrieben, u.a. eines über Venezuela unter Chávez. Derzeit ist sie Visiting Fellow an der Oxford University.
http://www.fr-online.de/in_und_ausl and/kultur_und_medien/feuilleton/?sid=41 81d1cbe061930126843890113b50c3&em_cnt=1372720&em_cnt_page=1
Istanbul
In diesem Brief möchte ich etwas über die Armenier schreiben, und nicht nur über sie, sondern auch darüber, was es bedeutet, Türke zu sein. Die Armenier haben mir Dinge gesagt, die sie wahrscheinlich vorher noch nie ausgesprochen hatten. Und beim Zuhören betrachtete ich mein Türkischsein mit neuen Augen.
Was sie mir erzählten, betrifft ganze Nationen und beschreibt den heute herrschenden Zustand. Dies ist ein langer Brief aus dem Land Anatolien, schonungslos und voller Anteilnahme. Dieser Brief richtet sich an alle, die dieses Land verlassen mussten. Und ich weiß, es waren viele. Werden sie sich erinnern? Werden wir vergessen? Werden sie verzeihen?"
Als sie diesen Absatz las, rief sie laut aus: "Ich sage dir, nein! Du musst aufhören, solche Sachen zu schreiben. Du musst aufhören!"
"Seht die Atheistin!"
Diese Worte kamen nicht von meinem Chefredakteur, auch nicht von einem Staatsanwalt, der versucht, den berüchtigten Paragraph 301 des türkischen Strafgesetzbuches auf einen meiner Artikel anzuwenden, der angeblich das "Türkentum", den Islam oder die Landesfahne beleidigt. Diese Worte kamen von meiner wütenden Mutter, die 1972 als junge Linke während einer der Putschversuche inhaftiert und gefoltert worden war.
Sie sprach so, nicht weil sie ihren "rebellischen Geist" verloren hätte, sondern weil sie in Angst und Sorge um mich war. Diesmal handelte es sich nicht um nationalistische Zeitungen, die mein Bild abdruckten mit der Schlagzeile "Seht die hässliche Frau! Bringt ihr bei, was es heißt, türkisch zu sein!" Auch nicht um radikale islamische Zeitungen, die postergroße Fotos von mir veröffentlichten mit der Überschrift "Seht die Atheistin!"
Daran ist meine Mutter schon gewöhnt. Was ihr Angst macht, ist der Preis, der mir kürzlich verliehen wurde: "Der Sacharow-Preis für geistige Freiheit." Ein weiterer Grund zur Sorge ist natürlich mein demnächst erscheinendes Buch über die Armenier. Denn wer sich zur Armenienfrage äußert, wird öffentlich angeprangert, und von den früheren Sacharow-Preisträgern sind einige inhaftiert oder gar ermordet worden. Meine Mutter sagt mir immer wieder: "Das Wetter in der Türkei ist zurzeit sehr neblig, und wenn Dir etwas zustoßen sollte, wüssten wir nicht mal, wer dahinter steckt. Ich sage dir, diesmal ist es anders."
Säkularismus wird nicht mehr erwähnt
Ja, diesmal ist es anders. Sie hat Recht. Zurzeit herrscht in der Türkei größere Verwirrung denn je, denn diesmal ist das Land zerrissen zwischen Ultranationalismus und radikalem Islam.
Offensichtlich wollen europäische und amerikanische Massenmedien die Türkei immer noch als "Demokratie im Land des gemäßigten Islams" sehen und die AKP, die islamische Regierungspartei, als die "demokratische Bastion" in der Türkei. Dieser Ansatz der westlichen Medien ist verständlich, passt er doch zu dem amerikanischen Konzept eines "gemäßigten Islams", das nach dem 11. September so populär wurde als ein Heilmittel für die radikalen Strömungen in muslimischen Gesellschaften. Vielleicht haben amerikanische Medien deswegen aufgehört, die Türkei als "den einzigen säkularen und demokratischen Staat im Mittleren Osten" zu bezeichnen und beschreiben sie jetzt als "den einzigen demokratischen Staat mit einer islamischen Regierung". Der Säkularismus wird nicht mehr erwähnt.
"Die neue Identität der Türkei"
In den Medien wird das Konzept des "gemäßigten Islams" eher als eine Graswurzelbewegung dargestellt als ein internationales Projekt, das durch die US-Außenpolitik finanziert und gefördert wird. Man war von dieser Idee so begeistert, dass man ihr den griffig klingenden Namen gab: "Die neue Identität der Türkei."
Diese neue Identität rutschte in den politischen Charts ganz nach oben, als man daran ging, die Verfassung zu ändern, um Frauen an den Hochschulen das Tragen von Kopftüchern zu gestatten. Jeder konnte sich an der Diskussion um die Gesetzesänderung beteiligen, außer den Kopftuch tragenden Frauen. Nur die Männer sowie die nicht Kopftuch tragenden Frauen in der AKP, durften sich äußern. Die männlichen Parteimitglieder diskutierten, wie Frauen das Kopftuch zu tragen hätten, und es wurde sogar erwogen, ein Bild in die Verfassung mit aufzunehmen, um die korrekte Trage-Art zu illustrieren. Den Tschador hingegen wollten sie nicht an die Universitäten lassen. Nein, das ging dann doch zu weit. Sie wollten die "moderne" Ausführung, die man auch bei Gucci oder Versace findet.
Seit der Verfassungsänderung ist das Kopftuch-Verbot an den Hochschulen de facto endlich aufgehoben. Das Problem ist gelöst, und man sollte denken, dass die Frauen nun keinen Grund mehr hätten, sich zu beklagen. Weit gefehlt. 600 Frauen, alle Kopftuch tragend, die meisten davon berufstätig, viele Schriftstellerinnen, Journalistinnen und Intellektuelle, verfassten eine Erklärung, die besagt: "Wir werden unser Kopftuch an der Universität nur tragen, wenn..." Dem folgt eine Auflistung der Reformen, die im Namen der Demokratisierung in der Türkei gemacht werden sollten. Zur allgemeinen Überraschung wurde die Erklärung von der Zeitung, die für die Aufhebung des Kopftuch-Verbotes eingetreten war, nicht abgedruckt. Offensichtlich wollte man bei der AKP nichts von diesen Frauen hören, die der Partei auch mit Kopftuch nicht nach dem Mund redeten.
Nachdem man in liberalen und intellektuellen Kreisen lange Zeit die AKP als die demokratische Bastion in der Türkei unterstützt hatte, entzog man ihr kurz nach den Wahlen im Sommer vergangenen Jahres endgültig das Vertrauen. Gründe gab es viele: Der EU-Beitritt war vom Tisch; das militaristische Vorgehen in der Kurdenfrage; der anti-demokratische Prozess bei Gesetzesvorlagen; der berüchtigte Paragraph 301; religiöse Wohltätigkeit statt Armutspolitik; das Schließen von Gewerkschaften und NGOs; ein Premierminister, der den Frauen nahe legt, mindestens drei Kinder zu haben; die wachsende Anzahl von Mädchen mit Kopftuch, die von den Jungen getrennt zur Schule gehen müssen. Hinzu kommt, dass die Partei mit der Kombination aus aggressiver neo-liberaler Politik und islamischem Konservativismus begann, die Türkei in eine "Konzernokratie" zu verwandeln. Meinungsumfragen hatten ergeben, dass die AKP an Boden verlor. Die Rettung kam in Form eines Verbotsantrages seitens der kemalistischen Elite. Der Antrag gründete sich vor allem auf der Aussage, die AKP sei ein Zentrum anti-säkularer Aktivitäten. Das Verfahren ließ die AKP erneut als die "letzte Bastion der Demokratie" in der Türkei erscheinen.
Im Lager der Alteingesessenen war man nicht weniger verzweifelt. Die große Wolke des Ultra-Nationalismus verdunkelte sich am 19. Januar 2007, am Tag der Ermordung des armenischen Journalisten Hrant Dink. Er war zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden, weil er gegen Paragraph 301 verstoßen hatte, der die "Verunglimpfung des Türkentums" unter Strafe stellt. Sein Verbrechen bestand darin, den Dialog zwischen Türken und Armeniern befürwortet und daran zu erinnert zu haben, dass Anatolien einst die Heimat der Armenier war.
"Tradition des Vergessens"
Die nationalistische Stimmung spitzte sich weiter zu, als aus dem Südosten die Särge eintrafen mit den Leichen der von der PKK, der kurdischen Separatistenbewegung, getöteten Soldaten. Junge Nationalisten zogen durch die Straßen und bedrohten jeden, der keine Fahne hisste. Dies war der Zeitpunkt, da bürgerliche Säkularisten das Feld räumten und den nationalistischen Schlägern die politische Bühne überließen.
Die ultra-nationalistische Stimmung bot einen fruchtbaren politischen Nährboden für die bis dato größte Militäraktion gegen die PKK. Natürlich hatte man die Entscheidung schon lange vor den Demonstrationen getroffen, und sie wurde von den einschlägigen Sprachrohren unterstützt. Der Krieg begann. Nachrichtenmeldungen erschienen plötzlich im Stil der Fox-Berichterstattung während des Irakkrieges. "Wir" war das Subjekt, "säubern" das Verb und das erklärte Zielobjekt waren immer "die" - so als ob Kurden nicht auch in der Türkei lebten; als ob die Kämpfer der PKK, auf die man Bomben wirft, nicht auch Verwandte in den kurdischen Gebieten der Türkei hätten.
Wo steht meine Mutter in diesen Wirren? Nirgends. So wie alle, die in einem freien, demokratischen, säkularen Staat leben wollen und nicht willens sind, einen dieser Werte zu opfern. Das politische und gesellschaftliche Klima in der Türkei zwingt aber jene, die Säkularismus und Demokratie wollen, sich für eines von beiden zu entscheiden. Die Polarisierung geht so weit, dass Familien zerfallen und vormals enge Freunde nicht mehr miteinander reden.
Warum aber rede ich über ein "altes Thema" wie die Armenier, wenn die Lage auch so schon kompliziert genug ist?
Inzwischen erwägen viele türkische Intellektuelle, und zwar nicht nur die jungen, ernsthaft, das Land zu verlassen. Die "neue Türkei", zerrissen zwischen Ultra-Nationalismus und islamischem Konservativismus, ist ihnen ein Gräuel. Sie haben genug davon, "Türken" zu sein in der politischen Zirkusarena. Sie versuchen verzweifelt, ihren Kummer mit Humor zu überspielen - den Kummer über den Verlust ihrer Heimat. Doch inzwischen ist es fast unmöglich geworden, über die türkische Tragödie Witze zu machen. Und so müssen die Begriffe Türkei und Türkentum neu definiert werden, damit sie tragbar bleiben.
Die Armenier-Frage ist die Schwachstelle des Türkentums. Im Jahre 1915 begann man in der Türkei mit der bis heute aufrecht erhaltenen "Tradition des Vergessens", die meiner Meinung nach der Grund für die heutige Lage ist. Die Tradition des Vergessens hat ein Volk ohne Erinnerung hervorgebracht. Die Normalisierung der Gewalt begann in jenem Sommer im Jahre 1915. Und auch die falsche Bestimmung von "Heimat" und dem "Selbst" gehen auf die Ereignisse von damals zurück. Das "Wir", wie wir es heute begreifen, hat in dem Massaker an den Armeniern seinen Ursprung.
Da ich mich nicht der langen Reihe derer anschließen möchte, die Anatolien verlassen mussten, versuche ich, die Krankheit zu bestimmen, durch die die Türkei zur politischen Zirkusarena von Europa und dem Nahen Osten wurde. Und da ist auch noch ein Versprechen, das ich Hrant gab, meinem verstorbenen Freund. In dem Versprechen ging es um "unsere geliebte Hölle" - unser Anatolien.
Aus dem Englischen von Andrian Widmann
Ece Temelkuran, 35, meistgelesene politische Kolumnistin der Türkei, arbeitet für Milliyet. Sie hat eine Reihe von Büchern geschrieben, u.a. eines über Venezuela unter Chávez. Derzeit ist sie Visiting Fellow an der Oxford University.
http://www.fr-online.de/in_und_ausl

Comments
внизу Андрей дал ссылку на гоогловский перевод, может поможет?:)
Например, можно провозгласить своими предками хеттов, шумеров, кавказских алуанцев…
Можно приписать себе хоть Низами Гянджеви, хоть Мовсеса Каланкатуаци…
Но ненависть к любому народу ВООБЩЕ надо категорически пресекать, тем более в детишках. :-)